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Streik bei Amazon


Lisa: Du wirst auch schon angeschimpft, wenn
du mal längere Zeit auf Toilette verbringst oder längere Zeit Pause machst. Prof. Dr. Gerrit Heinemann: Wenn der Preis günstig
ist, ist dem Kunden im Zweifel alles egal. Flo: Bestellen bei Amazon – machen wir, lieben
wir. Ist total easy und kommt meistens sogar schon
am nächsten Tag an. Wie geht’s aber denen, die genau das möglich
machen und bei Amazon arbeiten? Kurz vor Weihnachten wurde in mehreren Amazon-Logistikzentren gestreikt und eigentlich wollte ich ein Film über genau diese Streiks machen,
der dann aber irgendwie zu einem Film, also diesem hier, über die Zukunft der Arbeitswelt
in Deutschland geworden ist. Aber fangen wir nochmal am Anfang an, ich
bin also zum Amazon-Logistikzentrum nach Werne gefahren und wollte wissen, wofür wird da
überhaupt gestreikt. Streik, leider geil, ne. Morgen. *Streikende pfeifen* F: Ich glaube, 350 Leute sind angekündigt. 300 sind es, schätz ich mal, auf jeden Fall. Es geht also im Prinzip darum, zum Beispiel
zwei beziehungsweise acht mehr Urlaubstage, statt 400 oder 600 Euro Weihnachtsgeld bis
zu 1300 oder um die 1300 zum Beispiel für Packer. Karsten Rupprecht: 1400 mittlerweile. Genau. F: Das ist ja schon ne‘ ganze Menge eigentlich
oder? Herr R.: Das ist sehr viel Geld. Ja. F: Ist das realistisch? Herr R.: Wenn jemand diese Gelder zahlen kann,
dann ist es Amazon. Jeder weiß, Jeff Bezos, der reichste Mensch
der Welt. Was hier an Geld verdient wird, ist schon
fast unmoralisch und ich denke, da gebührt es der Respekt, dass man auch die Beschäftigten,
die diesen Gewinn erwirtschaften, erarbeiten, dass man sie auch daran dementsprechend vernünftig
beteiligt. *Musik* F: Also ein bisschen ironisch ist es ja schon, dass die Mitarbeiter von Amazon jetzt gerade
in der Innenstadt neben Geschäften demonstrieren, denen Amazon ja eigentlich die ganzen Kunden,
ja, im Regelfall wegnimmt. *Musik* F: Erzähl mal, wie ist das so für Amazon zu arbeiten, weil ich bestell ganz viel da
und ich weiß ganz viele von unseren Zuschauern bestellen ständig da, aber keiner weiß,
wie ist das, wenn man da arbeitet in so einem Zentrum. L: Also du wirst auch schon angeschimpft,
wenn du mal längere Zeit auf Toilette verbringst oder längere Zeit Pause machst. F: Echt? L: Ja klar. Deswegen finde ich einfach… Deswegen gehe
ich auch auf die Straße, weil dieses Arbeitsklima, das geht einfach gar nicht, also die behandeln
einen auch von oben herab, also als wärst du nichts quasi. Ja, deswegen geh ich auch auf die Straße. F: Ich war ehrlich gesagt ein bisschen überrascht,
weil ich eigentlich gedacht habe, dass die streikenden Amazon-Mitarbeiter, da jetzt ein
komplettes Werk lahm legen, was am Ende aber gar nicht so war. Also auch wenn draußen 300 Leute demonstriert
haben, wurde drinnen weitergearbeitet. Trotzdem ist das, was mir die Mitarbeiter
und Mitarbeiterinnen gesagt haben, das sind nicht nur einerseits krasse Anschuldigungen,
sondern auf der anderen Seite auch ziemlich große Forderungen, die die da stellen. Der nächste logische Schritt für mich
war also einfach mal bei Amazon nachzufragen, was die dazu sagen und dafür bin ich in ein
Werk nach Dortmund gefahren und habe mich da mal mit jemanden von Amazon unterhalten. *Musik* F: Ich habe mich mit einer jungen Kollegin von Ihnen unterhalten, die mir gesagt hat,
dass der Leistungsdruck total hoch ist am Arbeitsplatz, dass sie sich einfach nicht
gewertschätzt fühlt. Ja, was sagen Sie denn zu solchen Anschuldigungen? Lars Krause: Schauen Sie sich um, Sie sind
hier bei mir in Dortmund im Logistikzentrum. Ich biete Ihnen an, sprechen Sie mit all den
Kollegen, fragen Sie nochmal. Vielleicht gab es da…
F: Aber die werden mir natürlich nichts sagen, wenn ich mich hier mit dem Standortleiter
durchgehe. Herr K.: Sie können hier gerne auch alleine
durchgehen, das machen wir in aller Regelmäßigkeit. Machen wir gerne, dass sie auch die Kollegen
ohne mich befragen können und meistens macht das Aha-Effekte bei den Kollegen Journalisten
und Sie stellen dann hinterher fest, dass vielleicht die Meinung, die in der Öffentlichkeit
von Amazon besteht, gar nicht hier sich so bestätigt. F: Würden Sie sagen, Verdi hat also gar keinen
veritablen Punkt oder gibt es irgendwas, wo man sagen könnte: „Okay, da arbeiten wir
dran.“ Herr K.: Ich glaube, dass die Gewerkschaften
wichtig waren zu Zeiten unserer Großeltern, wo man sich Arbeitsbedingungen erkämpft hat. In den heutigen Zeiten haben die Unternehmen,
ähnlich wie Amazon, natürlich auch verstanden, dass es nur gemeinsam mit den Kollegen geht,
dass es nur gemeinsam auch geht, dass wir Vernünftiges für unsere Kunden tun können und von daher bin ich davon überzeugt, dass wir das mit unseren Kollegen sehr vernünftig machen. F: Wenn man sich mal die Vergangenheit von
Amazon anschaut, dann gab es da schon einige Kontroversen, also zum Beispiel das Wegwerfen
von zurückgeschickten Artikeln, die Überwachung von Mitarbeitern oder auch die harten Arbeitsbedingungen, die einige Arbeitnehmer immer wieder kritisieren. Und da könnte man sich ja denken, dass so
ein Streik gerade zu Weihnachten, vielleicht den ein oder anderen Käufer berührt und
vielleicht dazu bewegt, nicht bei Amazon zu kaufen. Welche Auswirkungen, also diese ganze Kontroversen
um Amazon haben, wollte ich von Dr. Gerrit Heinemann wissen, der ist Professor an der
Hochschule Niederrhein und schreibt schon seit Jahren zum Thema Onlinehandel. *Musik* F: Amazon wird im Moment von den eigenen Mitarbeitern bestreikt. Wie beurteilen sie die ganze Lage? Prof. Dr. H.: Interessanterweise nach wie vor ein PR-Gag, denn damit schafft Verdi es immer auf die Titelseiten der Zeitung und das war es,
also passieren tut ja nix, aber mit gut 300 Mitarbeitern, die streiken, von über 10.000
Mitarbeitern, die im Logistikbereich arbeiten, frage ich mich, was ist das für ein Streik,
also ich kenne da andere Dimensionen. F: Glauben Sie, dass das trotzdem Erfolg haben
kann mit 300 Mitarbeitern dann vielleicht? Prof. Dr. H.: Glaube ich nicht, weil es gibt ja Untersuchungen, wie lieferfähig ist Amazon und Amazon ist interessanterweise im Vergleich zu allen anderen
Onlinehändlern in Deutschland am lieferfähigsten trotz dieses Streiks. F: Haben Sie da irgendwelche Erkenntnisse
darüber, ob quasi die Arbeitsweise auch beim Kunden irgendwie ankommt? Ob das was ausmacht, ob man bei Amazon einkauft
oder nicht? Haben da die Verdi-Streiks irgendwelche Auswirkungen auf das Kundenverhalten? Prof. Dr. H.: Überhaupt nicht. Überhaupt nicht. F: Warum nicht? Prof. Dr. H.: Ja, im Endeffekt geht es um Geld und den
Preis und wenn der Preis günstig ist, ist dem Kunden im Zweifel alles egal. Das ist das tatsächliche Einkaufsverhalten. Ich befürchte, das läuft darauf hinaus,
weil die deutschen Händler, da nach wie vor regelrecht verpennt sind und den Schuss immer
noch nicht gehört haben, bis auf ganz wenige Ausnahmen, dass in Zukunft, es vielleicht
ein Amazon geben wird im Onlinehandel und dann vielleicht den Ali Baba, Ali Express
und JD.com, also den chinesischen Amazon oder den viel größeren Ali Baba und ansonsten
nicht mehr viel, plus vielleicht noch stationäre Händler im Lebensmitteleinzelhandel wie Aldi
und Lidl. F: Also egal auf wessen Seite man steht, Amazon
sitzt einfach im Moment am längeren Hebel und den Kunden scheint es zumindest aufgrund
des Kaufverhaltens erstmal nicht wirklich zu interessieren. Es gibt also Firmen, die mittlerweile so mächtig
sind, dass Gewerkschaften und Arbeitnehmer mit den herkömmlichen Mitteln irgendwie nicht
mehr weiterkommen. Was ist eure Meinung zu dem Thema, sagt ihr
ok, wir müssen uns in Deutschland einfach an diese Bedingungen gewöhnen, oder sagt
ihr, vielleicht muss der Staat da irgendwie eingreifen, irgendwas einführen, irgendwas
ändern. Lasst uns gerne in den Kommentaren mal ein
bisschen darüber diskutieren, hier oben findet ihr mein Video zum Thema Foodora und dem Arbeitskampf bei Foodora. Ich bedanke mich fürs Zuschauen und würde
sagen, bis zum nächsten Mal.

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